Orgeln
Rouen, St-Ouen (Cavaillé-Coll 1890 IV/64)
Die Abtei Saint-Ouen, deren Ursprünge auf das 8. Jh. zurückgehen, gehörte zu den bedeutendsten Benediktinerklöstern Frankreichs. Der Bau der heutigen Kirche begann 1318 und zog sich mehr als zwei Jahrhunderte hin; vollendet wurde sie im 16. Jh. im Flamboyant-Stil der Spätgotik, einzelne Partien sogar erst im 19. Jh. Sie zählt zu den wenigen großen gotischen Kirchen Frankreichs, die weitgehend nach dem ursprünglichen Plan fertiggestellt wurden. Bemerkenswert sind die außergewöhnlich steilen Proportionen des Mittelschiffs sowie die nahezu vollständige Auflösung der Wandflächen zugunsten großflächiger Fenster. Die Westfassade entstand im 19. Jh. und orientiert sich in ihren Formen teilweise am Kölner Dom. Die Rosette stammt aus dem 16. Jh.; der Vierungsturm beeindruckt durch seine kühne Konstruktion, da seine Pfeiler kaum stärker ausgebildet sind als die übrigen Stützen des Bauwerks. Nach der Französischen Revolution zog der Gemeinderat in das ehemalige Mönchsdormitorium ein, das Mitte des 18. Jhs. errichtet worden war. Mit einer Länge von 127 m und einer Gewölbehöhe von 32 m gehört St-Ouen zu den größten gotischen Kirchen Frankreichs und ist nur wenig kleiner als Notre-Dame de Paris.
Cavaillé-Coll 1890 IV/64
Mechanische Traktur (pneumatisch für die beiden 32′-Register)
| im 16. Jhd. | erste Orgel (1562 von Hugenotten zerstört) |
| 1631 | Crespin Carlier, Neubau |
| 1650–1653 | Thomas Morlet, Erweiterung |
| 1683 | Jean Brocard/Jacques Chérel, Restaurierung nach Orkan-Schäden |
| 1724/1733 | Charles Lefebvre/Nicolas Collar, Reparaturen/Umbauten |
| 1741–1768 | Jean-Baptiste Lefebvre, Demontage/Einlagerung |
| 1823–1828 | Louis-Paul und Pierre-François Dallery, Umbauten im alten Gehäuse (V/50) |
| 1858–1859 | Merklin-Schütze: Restaurierung/Umbau, Wiederherstellung der großen Orgel (genügte jedoch nicht mehr den Anforderungen des Organisten) |
| 1888–1890 | Cavaillé-Coll, Neubau im Gehäuse von Carlier |
| 1939–1941 | Georges Gloton/Jean Perroux, Überholung |
| 1955 | Beuchet-Debierre, Überholung |
| 1979 | Jacques Barberis, Überholung |
| 1999–2022 | Denis Lacorre, Überholung |
Die große Orgel von St-Ouen zählt zu den bedeutendsten und am häufigsten aufgenommenen Orgeln der Welt. Sie ist eines der letzten Meisterwerke Aristide Cavaillé-Colls und gilt als Höhepunkt der frz. symphonischen Orgelbaukunst. Die Abtei besaß bereits im 16. Jh. eine Orgel, die 1562 von den Hugenotten zerstört wurde. 1631 entstand nach Plänen von Jehan Titelouze ein neues zweimanualiges Instrument, das später erweitert und 1741 demontiert wurde um die Orgel vor einer Getreidelagerung im Kirchenschiff zu schützen. Die Geschichte der Orgel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist nicht bekannt, und das Datum des Wiederaufbaus ist ungewiss. Das Jahr 1768 ist ein mögliches Datum für weitere Arbeiten, die Jean-Baptiste Nicolas Lefebvre zugeschrieben werden können. Während der Frz. Revolution wurde die Orgel weitgehend geplündert; erhalten blieb vor allem das prachtvolle Gehäuse aus dem 17. Jh. Als Cavaillé-Coll 1851 erstmals zur Begutachtung hinzugezogen wurde, zählte die Orgel zu den größten Instrumenten Frankreichs; es erfolgten mehrere Umbauten und Erweiterungen. Cavaillé-Colls Neubau (1888–90) bewahrte das historische Gehäuse von 1630 sowie zwanzig ältere, einwandfreie Register. Die Einweihung 1890 spielte Widor, der die bis heute praktisch intakte Orgel wegen ihrer monumentalen Wirkung als „Michelangelo der Orgeln“ bezeichnete, später erklang hier auch erstmals seine „Symphonie Gothique“. Besonders beeindruckend sind das riesige Rückpositiv (12 Reg.), das mit 20 Registern größte von Cavaillé-Coll gebaute Récit, die beiden GO-Chamaden sowie eine Reihe bemerkenswerter Dispositionen. Die Verbindung von Kraft, Klangfülle und Eleganz macht Saint-Ouen zu einer der schönsten Orgeln der symphonischen Periode. Diese Orgel, Monument historique, ist das letzte Meisterwerk einer langen Reihe von Orgeln, die 1840 mit der Orgel der Basilika Saint-Denis begann.
Barker-Mechanik an GO/Réc/Péd; zwei Drittel der Pfeifen von Cavaillé-Coll, der Rest aus der Zeit des Ancien Régime (Dallery) sowie einige Merklin-Register.
Titularorganisten: u. a. Albert Dupré, Marie-Andrée Morisset-Balier, Jean-Baptiste Monnot
I. Positif C–g3 (56 Tasten)
Montre . . . . . . . . . . . . . . . 8′
Bourdon . . . . . . . . . . . . . . 8′
Gambe . . . . . . . . . . . . . . . 8′
Unda Maris . . . . . . . . . . . 8′
Dulciane . . . . . . . . . . . . . . 4′
Flûte douce . . . . . . . . . . . 4′ [1941]
Doublette . . . . . . . . . . . . 2′
Plein-Jeu V
Cor anglais . . . . . . . . . . . 16′ [Basson Hautbois 16′]
Cromorne . . . . . . . . . . . . 8′
Trompette . . . . . . . . . . . . 8′
Clairon . . . . . . . . . . . . . . . 4′
II. Grand-Orgue C–g3 (56 Tasten)
Montre . . . . . . . . . . . . . . 16′
Violonbasse . . . . . . . . . . 16′
Bourdon . . . . . . . . . . . . . 16′
Montre . . . . . . . . . . . . . . . 8′
Diapason . . . . . . . . . . . . . 8′
Salicional . . . . . . . . . . . . . 8′
Flûte harmonique . . . . . . 8′
Bourdon . . . . . . . . . . . . . . 8′
Prestant en chamade . . . 4′
Trompette harmonique . 8′
Clairon harmonique . . . . 4′
III. Récit expressif C–g3 (56 Tasten)
Quintaton . . . . . . . . . . . 16′
Corno dolce . . . . . . . . . . 16′
Diapason . . . . . . . . . . . . . 8′
Viole de gambe . . . . . . . . 8′
Voix céleste . . . . . . . . . . . 8′
Flûte traversière . . . . . . . 8′
Cor de nuit . . . . . . . . . . . 8′
Voix éolienne . . . . . . . . . 8′
Flûte octaviante . . . . . . . 4′
Viole d'amour . . . . . . . . . 4′
Quinte . . . . . . . . . . . . 2 2/3′
Octavin . . . . . . . . . . . . . . . 2′
Cornet V
Carillon I-III
Tuba magna . . . . . . . . . . 16′
Trompette harmonique . 8′
Clairon harmonique . . . . 4′
Basson-Hautbois . . . . . . . 8′
Clarinette . . . . . . . . . . . . . 8′
Voix humaine . . . . . . . . . 8′
IV. Bombarde C–g3 (56 Tasten)
Flûte . . . . . . . . . . . . . . . . . 8′
Flûte . . . . . . . . . . . . . . . . . 4′
Doublette . . . . . . . . . . . . 2′
Cornet V [16′, ab c1]
Fourniture V
Basson . . . . . . . . . . . . . . 16′
Bombarde . . . . . . . . . . . 16′
Trompette . . . . . . . . . . . . 8′
Clairon . . . . . . . . . . . . . . . 4′
Pédale C–f1 (30 Tasten)
Soubasse . . . . . . . . . . . . 32′
Contrebasse . . . . . . . . . 16′
Soubasse . . . . . . . . . . . . 16′
Basse . . . . . . . . . . . . . . . . 8′
Violoncelle . . . . . . . . . . . . 8′
Bourdon . . . . . . . . . . . . . . 8′
Flûte . . . . . . . . . . . . . . . . . 4′
Contrebombarde . . . . . 32′
Bombarde . . . . . . . . . . . 16′
Contrebasson . . . . . . . . 16′
Trompette . . . . . . . . . . . . 8′
Clairon . . . . . . . . . . . . . . . 4′
Acc Bomb/GO, Bomb/Réc, Pos/GO, Pos/Réc [sic!, es existiert keine Koppel Réc/Pos!], Réc/GO 8+16, Appel Anches Bomb/GO/Pos/Péd/Réc, Appel Chamades, Appel GO, Schwelltritt Réc, Octaves aiguës Réc, Octaves graves GO/Réc, Tirasses GO + Pos + Réc, Trémolo Réc
