Orgeln

Versailles, Chapelle Royale (Rekonstruktion nach Robert Clicqout 1710: Jean-Loup Boisseau/Bertrand Cattiaux 1995 IV/35)

Die Chapelle Royale des Schlosses von Versailles, einer der bedeutendsten Sakralbauten des frz. Barock, wurde 1699–1710 unter Louis XIV. nach Plänen der Architekten Jules Hardouin-Mansart und Robert de Cotte errichtet. Sie ist dem heiligen Ludwig, dem Schutzpatron der Bourbonen-Dynastie, geweiht. Die Kapelle war der letzte große Bauabschnitt des Schlosses und diente dem Königshof für tägliche Messen, religiöse Feiern und besondere Zeremonien. Der König verfolgte die Gottesdienste von einer oberen Empore aus, während sich der Hofstaat im unteren Bereich aufhielt – ein architektonischer Ausdruck der streng hierarchischen Ordnung des Hofes von Versailles. Die Chapelle Royale verbindet barocke Pracht mit klassischen Formen: Hohe Gewölbe, große Fenster und Deckenfresken mit biblischen Szenen prägen den Raum, während Goldverzierungen, Marmorböden und kunstvolle Skulpturen seinen repräsentativen Charakter unterstreichen. Die Chapelle Royale gilt bis heute als wichtiges Symbol für das Zusammenspiel von Monarchie, Religion und Kunst im Frankreich Louis XIV.

Rekonstruktion nach Robert Clicqout 1710: Jean-Loup Boisseau/Bertrand Cattiaux 1995 IV/35

Mechanische Traktur

1708–1711Robert Clicquot, Julien Tribuot: Bau
1762François-Henri Clicquot, Überholung
1817Louis-Paul und Pierre-François Dallery, Umbau
1862Monument historique
1873Cavaillé-Coll, Neubau (Gehäuse und vier alte Register übernommen)
1937Gonzalez, Neubau im Stil des frz. Neobarocks; Cavaillé-Coll-Orgel nach St-Martin/Rennes
1995Jean-Loup Boisseau/Bertrand Cattiaux, Neubau nach Plänen von Clicquot/Tribuot; Instrument von Gonzalez nach St-Sacrement/Laroque-d‘Olmes
2010Cattiaux, umfassende Revision

Zur Vollendung der Chapelle beauftragte Louis XIV. die Orgelbauer Clicquot und Tribuot mit dem Bau einer Orgel. Das von Hardouin-Mansart und de Cotte entworfene Gehäuse entstand als Altarorgel, die das große Altarfenster verdeckt. Sie befand sich über dem Altar direkt gegenüber der königlichen Empore, von der aus die Königsfamilie der Messe beiwohnte. Die Orgel wurde 1710 vom Hoforganisten Jean-Baptiste Buterne eingeweiht; sie war fortan fester Bestandteil des Hoflebens und wurde u. a. von François Couperin gespielt. Das Instrument überstand zwar die Wirren der Frz. Revolution, erlitt jedoch erhebliche Schäden und war zur Zeit Louis-Philippes nur noch eingeschränkt spielbar. Überarbeitungen erfolgten 1736 (Louis-Alexandre Clicquot), 1762 (François-Henri Clicquot) und 1817 (Dallery); 1862 Gehäuse unter Denkmalschutz gestellt; bei der umfassenden Restaurierung 1873 durch Cavaillé-Coll blieben lediglich das Gehäuse und vier historische Register erhalten.
Da die Cavaillé-Coll-Orgel 1937 nicht mehr dem neoklassischen Zeitgeschmack entsprach, wurde sie verkauft und zunächst im Priesterseminar von Châteaugiron, später in St-Martin/Rennes aufgestellt. Gleichzeitig erhielt Victor Gonzalez den Auftrag zum Bau einer neuen Orgel im Stil der orgue néoclassique; diese kam später nach Saint-Sacrement in Laroque-d’Olmes. Im Zuge der Restaurierungen der Kapelle entschied man sich 1990 für einen Nachbau der Clicquot-Orgel durch Boisseau und Cattiaux. Das Instrument orientiert sich an einer klassisch-französischen Barockorgel und berücksichtigt zugleich die Erweiterungen von Louis-Alexandre und François-Henri Clicquot. 2010 Neuintonation durch Cattiaux. In der heutigen Orgel konnten etwa 2% des historischen Materials der ursprünglichen Clicquot-Orgel wiederverwendet werden; der alte Spieltisch war noch erhalten und wurde originalgetreu rekonstruiert.
Mechanische Schleifladen mit hängender Traktur; eingebauter Spieltisch, Corrette-Stimmung mit drei reinen Terzen, Stimmton 415 Hz,
Titularorganisten: Michel Bouvard, François Epinasse, Frédéric Desenclos, Jean-Baptiste Robin.
Vorgänger: Nivers, Lebègue, Couperin, Marchand, D'Aquin, Balbastre.
Bis 1995 gab es nur einen Titularorganisten, Michel Chapuis. Auf Beschluss der Schlossverwaltung wurden anschließend nach einem Brauch des Ancien Régime vier Co-Titularorganisten ernannt, die turnusmäßig jeweils für vier Jahre die Funktion des Haupttitularorganist übernehmen. Chapuis wurde zum Ehrentitularorganisten (bis zu seinem Tod 2017) ernannt.

I. Positif CD–d3 (50 Tasten)
Montre . . . . . . . . . . . . . . . 8′
Bourdon . . . . . . . . . . . . . . 8′
Prestant . . . . . . . . . . . . . . 4′
Flûte . . . . . . . . . . . . . . . . . 4′
Nasard . . . . . . . . . . . . 2 2/3′
Doublette . . . . . . . . . . . . 2′
Tierce . . . . . . . . . . . . . 1 3/5′
Larigot . . . . . . . . . . . . 1 1/3′
Plein jeu VI
Trompette . . . . . . . . . . . . 8′
Cromorne . . . . . . . . . . . . 8′

II. Grand Orgue CD–d3 (50 Tasten)
Bourdon . . . . . . . . . . . . . 16′
Montre . . . . . . . . . . . . . . . 8′
Bourdon . . . . . . . . . . . . . . 8′
Flûte [ab c1] . . . . . . . . . . . 8′
Prestant . . . . . . . . . . . . . . 4′
Grosse tierce . . . . . . . 3 1/5′
Nazard . . . . . . . . . . . . 2 2/3′
Doublette . . . . . . . . . . . . 2′
Quarte de Nazard . . . . . 2′
Tierce . . . . . . . . . . . . . 1 3/5′
Grand Cornet V [ab c1]
Fourniture IV
Cymbale IV
Trompette . . . . . . . . . . . . 8′
Voix Humaine . . . . . . . . . 8′
Clairon . . . . . . . . . . . . . . . 4′

III. Récit g°–d3 (32 Tasten)
Cornet V
Trompette . . . . . . . . . . . . 8′
Hautbois . . . . . . . . . . . . . 8′

IV. Echo g°–d3 (32 Tasten)
Bourdon + Flûte . . . 8′ + 4′
Cornet III
Voix Humaine . . . . . . . . . 8′

Pédale C–f1 (30 Tasten) [Erweiterung zum A1 auf der Cis-Taste]
Flûte . . . . . . . . . . . . . . . . . 8′
Flûte . . . . . . . . . . . . . . . . . 4′
Trompette . . . . . . . . . . . . 8′
Clairon . . . . . . . . . . . . . . . 4′

Acc. Pos/GO (Schiebekoppel), Réc/GO (Schiebekoppel), Tirasse GO, Tremblant doux, Tremblant fort